Deutscher Buchpreis 2026 – Die Shortlist
Shida Bazyar: Die Lücken | Kiepenheuer & Witsch
Kommentar der Jury
Shida Bazyar bringt verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit zur Sprache. „Die Lücken“ erzählt von jüdischen Familien, von NS-Profiteuren sowie von kurdischen und iranischen Menschen, die in Deutschland Schutz und Zuflucht suchen. Über einen Zeitraum von rund hundert Jahren verändert sich die Sprache zwischen den Zeitebenen und verleiht jeder ihren eigenen Ton. In Heimesbach, einem kleinen fiktiven Ort im Hunsrück, schauen wir hinter die Scheinidylle der Provinz und kommen den Figuren – den Lebenden, den Toten, ja selbst einer Toten, die aus dem Jenseits erzählt, und denen, über die geschwiegen wurde – ganz nah. Ein Roman, der mit seinem transnationalen Blick die Grenzen des Heimatromans auslotet und ihn neu definiert.
Franziska Gänsler: Orca | Kein & Aber
Kommentar der Jury
Franziska Gänsler beschreibt in ihrem Roman „Orca“ viel mehr als die Freundschaft zweier junger Frauen. Sie hat eine ganze Generation im Blick, die, ausgehend von den Corona-Einschrän-
kungen, immer weniger fähig ist, ihr Verhältnis zueinander in einem direkten Miteinander auszuloten. Stattdessen kommunizieren sie via Messenger und Social Media. Klassenunterschiede verschwinden dadurch nicht. Während im Privaten YouTube Tutorials bei der Definition des Selbst helfen sollen, eskalieren die Konflikte in der Öffentlichkeit. Die genau beobachtete Beziehungsgeschichte ist in ein Radikalisierungsszenario eingebettet, in dem wir uns als
Leser*innen geradezu fassungslos umschauen und uns fragen: Wie konnte das denn jetzt passieren? Genau das beantwortet „Orca“, indem der Roman klug zwei Ebenen zusammenführt.
Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle | S. Fischer
Kommentar der Jury
Valeria Gordeevs Roman „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ schöpft aus einer eindrücklichen Vielfalt literarischer Mittel. Er erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, mit unterschiedlichen Stimmen und mit mehreren Handlungssträngen, die sich zu einem großen Ganzen fügen. Der Roman spielt in Deutschland, in der Ukraine und in Russland: Ein
Geschwisterpaar versucht sich im Zeichen des Krieges in Europa, angesichts eines autoritären Regimes und des Größenwahns des Menschen, der so gerne unsterblich wäre, zurechtzufinden. Gordeev schreibt sich mit diesem umfassenden Werk in die Tradition jener Schriftsteller*innen der Moderne ein, die dem Unrecht und der Unterdrückung mit den Mitteln der Groteske und des Witzes, des Absurden und des Surrealen begegneten.
Elias Hirschl: Schleifen | Paul Zsolnay
Kommentar der Jury
Eine fanatische Linguistin, eine sektenartige Sprachguerilla und die Suche nach der absolut gerechten Sprache: Elias Hirschl legt mit „Schleifen“ einen wunderbar überdrehten Roman vor, der durch seine intellektuellen Spielereien, erzählerischen Tricks und seinen schier unerschöpflichen Ideenreichtum brilliert. Wer sich auf diesen irren Ritt durch Sprachwissenschaft, Mathematik, Philosophie, Soziologie und Medizin einlässt, wird sich dem Sog des Romans kaum entziehen können und immer weiter ins Absurde abtauchen wollen. Ein Roman, der einen auf die bestmögliche Art verwirrt, herausfordert und vor allem schallend laut zum Lachen bringt.
Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens | Galiani Berlin
Kommentar der Jury
Peggy Mädler erzählt empathisch und unaufgeregt, aber mit großem Faktenwissen über ein selten betrachtetes Kapitel der DDR-Geschichte. Ihre Figuren, deren Zerrissenheit sie psychologisch
hervorragend ausleuchtet, sind keine lauten Widerstandskämpfer*innen, sondern leise Dissidenten, die ihre Lebensträume unter dem politischen Druck immer wieder neu anpassen müssen, sich selbst und ihren Idealen aber dennoch treu bleiben. Wie es ihr gelingt, diese Lebensläufe mit dem Feld der Kybernetik zu verbinden und immer wieder verblüffende Parallelen aufzuzeigen, ist beeindruckend. Gleichzeitig ist „Selbstregulierung des Herzens“ auch ein großer Roman über die Kreativität, mit der Wissenschaft und Kunst auch unter schwersten Bedingungen ihren Weg finden – und damit von zeitloser Aktualität.
Dana Vowinckel: Anton und Alma | Suhrkamp
Kommentar der Jury
Dana Vowinckels „Anton und Alma“ ist eine eindringlich erzählte Liebes- und Familiengeschichte sowie ein politischer Gegenwartsroman, der in Berlin und New York spielt. Er zeichnet sich durch ein überzeugendes Changieren der titelgebenden Figuren zwischen Nähe und Distanz aus. Zugleich sind die individuellen Schicksale mit weltpolitischen Ereignissen verschränkt, wodurch eine vielschichtige Reflexion von Gesellschaft, Religion und Familie sowie speziell von Judentum und Antisemitismus gelingt. Wie eng Liebes- und Zeitgeschichte narrativ miteinander verbunden sind, zeigt sich, wenn parallel zur Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 das Geschehen in Berlin eine dramatische Wendung nimmt.

